Aurélien Tristan Bonnetains kleinformatige, zweidimensionale Bleistiftzeichnungen entstehen auf postkartengroßen Notizblättern, sie führen über die Linie zu Form und Fläche. Dieses Experimentierfeld der Gedanken aus zufällig entstandenen Formen und Figuren ruft beim Zeichner Assoziationen, Erinnerungen und Geschichten hervor, die er spontan auf dem Papier weitererzählt und deren Ausgang bis zum Ende offen bleibt. Die Zeichnungen sind als lyrische, zufällige und naive Handlungen zu verstehen, ausgehend „von dem konkreten Handeln der Hand auf dem Papier, dem Papierträger als Handlungsraum, dem Zeichnungsvorgang als Geschichte von Entscheidungen bis hin zur zeichnerischen Praktik als Intervention“ (aus: Jutta Voorhoeve, Die Zeichnung in der zeitgenössischen Kunst: Notation, Expression, Forschungsprojekt KHI in Florenz). Sie erzählen eine Geschichte des Zufalls, eine Geschichte über den Umgang mit dem Ungeplanten, dem Unvorhersehbaren.
Bonnetain lockt Betrachter und Geschichtenerzähler auf keine Fährte. Er benennt seine Zeichnungen nicht, nummeriert sie und stellt ihnen für ihre Archivierung den Namen des Notizbuches voran, in das sie gezeichnet worden sind. So entstehen leere Codierungen, Titel wie „CDU 37“ oder „Golfers 08“, die keinen Hinweis auf den einen richtigen Inhalt der Zeichnung geben. Der Betrachter muss genau hinschauen, um Formen und Figuren in einen für ihn sinnvollen, phantastischen Zusammenhang zu bringen, Motive, Objekte und Symbole zu erkennen, Assoziationen zu finden. Das Dargestellte ist abstrakt oder figurativ, eine Illustration von gegensätzlichen Elementen, von verlorenen Figuren, die sich irgendwann in anderen Formen oder Landschaften willkürlich wiederfinden. Miniaturhafte Riesen, verstrickte Körper, Pseudophalli, fliegende Vaginas, Knochen, Krücken und Kolumnen, Labyrinthe, Monstren, unmenschliche und dekorative Formen führen den Betrachter durch eine verträumt konstruierte Welt. Er verliert sich darin, wandert, balanciert, fällt, springt und begibt sich in kuriose Situationen. Das Formen-, Figuren- und Geschichtenrepertoire dieses Mikrokosmos ist schier unendlich.
Das Studio I im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien ermöglicht mit seinen 660 Quadratmetern, die Zeichnungen auf eine großzügige Wandfläche zu verteilen. Sie scheinen fast verloren zu gehen und trotzdem stehen sie im Zentrum, haben einen eigenen Wirkungsraum. Durch den Rahmen begrenzt, durch die Geschichten erweitert hängen die kleinen Arbeiten auf eine unübliche Weise weit voneinander entfernt und zelebrieren sich selbst. Der Kontext: die Zeichnung und ihre Geschichten. Die Ausstellung: ein Zufallstreffer.
Die Ausstellung Zufallstreffer – Aurélien Tristan Bonnetain und die Geschichtenerzähler ist am 24. und 25. Februar 2012 im Kunstraum Kreuzberg/ Bethanien (Studio I) und ab 28. Februar bis 3. März 2012 im Epicentro art zu sehen.
Die Kurzgeschichten und Zeichnungen erscheinen mit einem Vorwort von Prof. Dr. Sabine Mainberger als Eriginal beim Berliner Verlag für eBook-Originalausgaben eriginals berlin. Ein gedruckter und auf 100 Exemplare limitierter Ausstellungskatalog begleitet die Ausstellung.
Wir laden am 24. Februar 2012 zur Leseperformance um 20 Uhr in den Kunstraum Kreuzberg/Bethanien (Studio I) ein.
Teilnehmende Schriftsteller: Boris Hillen, Tobias O. Meißner, Romain Delange, Irène Gayraud, Irina Predo, Clément Labail, Johannes Lotze, Christian Wöllecke, Thomas Köck, Mazen Maarouf, Dalan Badak
Vivi Kallinikou
Projektleitung: Vivi Kallinikou, Alime Gümüs
Projektassistenz: Eszter Légrády
Pressereferenz: Annika Hirsekorn
Mit freundlicher Unterstützung von: